Das Märchen von der Auslastung - Teil 1

03
No
Das Märchen von der Auslastung - Teil 1
03.11.2014 15:35

Hundehaltung einst und jetzt

Über den Beschäftigungswahn und das Märchen von der Auslastung Teil 1

 

Meinen ersten eigenen Hund bekam ich vor über 40 Jahren. Damals gab es weder Hundeschulen noch Hundewiesen oder Auslaufgebiete. Üblicherweise wurden grosse Hunde im Zwinger gehalten oder an der Kette, kleinere durften mit ins Haus. Unser Hund hatte Glück, als Pudelmischling gehörte er (oder besser sie) zur Familie.

 

Es gab nur wenige Regeln im Umgang mit Molly:

Kein Freilauf im Dorf

Der Hund geht nicht wildern

Der Hund hat sich nicht mit anderen zu Beissen

Du musst fair mit dem Hund umgehen

Der Hund darf nicht ins Bett

Du musst jeden Tag mit dem Hund spazieren gehen

Der Hund wird nicht am Tisch gefüttert

Was soll ich sagen: Molly war total unkompliziert - sie war überall gern gesehen, lief problemlos an der Leine, kam auf Ruf oder Pfiff sofort zurück. Sie fuhr gerne Auto, war von Beginn an stubenrein (wir bekamen sie mit etwa einem Jahr vom Esslinger Tierheim).

Ernährt wurde Molly zum Grossteil mit unseren Essensresten und ab und zu Dosenfutter (Chappi und Pal, etwas anderes gab es zu dieser Zeit noch nicht) und wurde dennoch 17 Jahre alt.

Kein Mensch kam damals auf die Idee, einen Hund zu beschäftigen oder gar auszulasten - das Leben mit der Familie war Beschäftigung genug, ein wenig Bewegung an der frischen Luft reichte als Auslastung. Natürlich gab es auch schon Hundesportler in Schutzhundevereinen, Jäger und Schäfer - aber die wären im Leben nicht auf die Idee gekommen, dass ihren Hunden etwas fehlen könnte.  

Nahezu alle Familienhunde in der damaligen Zeit hatten etwas gemein: ihre Tage verliefen einer wie der andere! Es gab feste Essens- und Schlafenszeiten, Spaziergänge fanden unter der Woche immer nach den Hausaufgaben statt bzw. nach Feierabend. Spazieren gehen war ein Wert an sich und nicht das möglichst schnelle Bewegen in Richtung Hundewiese (so etwas gab es nämlich auch noch nicht). Der Hund durfte ausgiebig schnuppern, vielleicht auch mal ein Stück rennen und hatte sich vor allem an seinen Leuten zu orientieren. Nach dem Spaziergang waren alle rechtschaffen müde und zu Hause war Ruhe angesagt. Wir Kinder entdeckten MIT dem Hund die Umwelt und Natur. 

Am Wochenende waren die Spaziergänge etwas länger, man ging (mit dem Hund!) Leute besuchen oder auch mal in die Wirtschaft, oft genug wurde auch die liebe Verwandtschaft eingeladen.

Urlaube wurden selbstverständlich mit dem Hund verbracht, da mussten die Ziele eben angepasst werden. Tierpension? Fehlanzeige! Zur Not wurde eben die Oma eingeladen, um Haus und Hund (und Berrnd) zu hüten.    

Hundeerziehung lief mehr oder weniger unmerklich ab. Dem Hund wurden Grenzen gesetzt und ihm wurde gezeigt, was man von ihm erwartete. Dies lief permanent und nebenher ab und wurde nie "geplant"! Mit der Kindererziehung funktionierte es im Grossen und Ganzen genau so.

Leider sind diese Selbstverständlichkeiten seit einiger Zeit verloren gegangen. Den Hundebesitzern kann ich nicht mal einen grossen Vorwurf machen (ausser dass sie ein wenig mehr auf ihr Bauchgefühl hören sollten) - von allen Seiten hagelt es Kritik, Vorschriften und Vorschläge. Eine ganze Industrie verdient sich eine goldene Nase, aus Hundebüchern könnte man ganze Gebäude errichten. Hundetrainer-Dokus (DOKU ist NICHT ernst gemeint)im Fernsehen sind echte Quotenbringer und ideale Werbeträger.

Fortsetzung in: Das Märchen von der Auslastung II

 

FLIX

Kommentare